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Nach bestem Wissen und Gewissen: Organspende – meine Entscheidung!?

Können auch zuhause Sterbende Organe spenden? Was bedeutet es für meine Familie, wenn ich mich für eine Spende entscheide? Und: könnte ich es mir denn selbst vorstellen, mit einem fremden Herz zu leben? Die Fragen der Teilnehmerinnen der FrauenFachKonferenz „Organspende – meine Entscheidung!?“ waren ebenso persönlich wie vielfältig. Der Landesverband Evangelische Frauen in Hessen und Nassau e.V. hatte zu der Veranstaltung ins Frankfurter Diakonissenhaus eingeladen. Ricarda Heymann, Referentin Frauen*politik im Verband, führte souverän durch den Tag, spannende Referentinnen standen den engagierten Teilnehmerinnen Rede und Antwort. „Organspende – an sich schon kein triviales Thema – betrifft Frauen noch einmal in besonderer Weise“, so Angelika Thonipara, geschäftsführende Pfarrerin im Landesverband. „Studien zeigen: die Mehrheit der Spenderinnen sind Frauen, die Mehrheit der Empfänger Männer. Nicht zuletzt deshalb adressiert Werbung für Organspende meist vor allem Frauen. Hinzu kommt, dass sich Frauen leichter durch den moralischen Druck beeinflussen lassen, den Argumente wie ‚Spenden ist ein Gebot der Nächstenliebe‘ ausüben. Vor diesem Hintergrund ist es uns wichtig, den vielen offenen Fragen zu diesem Thema Raum zu geben.“

Wie groß das Bedürfnis nach Information und Austausch tatsächlich war, zeigte die engagierte Mitarbeit der Teilnehmerinnen in den Workshops und die lebhafte Diskussion im anschließenden Plenum. Wie erleben Angehörige den Verabschiedungsprozess, nachdem sie den sterbenden Menschen für eine Organentnahme freigegeben haben? „Ein hirntoter Mensch sieht oft aus, als ob er schlafe“, so Pfarrerin Jutta Reimers-Gruhn. Die Klinikseelsorgerin am Nordwestkrankenhaus Frankfurt war als Referentin zum Thema „Hirntod und Angehörige“ geladen. „Auf der Palliativstation sind Sterbende oft bleich und ausgezehrt, sie ringen nach Luft und leiden unter Schmerzen. Da fällt es leichter zu denken: gut, dass dieser Mensch jetzt gehen kann. Bei einem Hirntoten ist das oft anders: er ist noch ganz warm, sieht rosig und gut versorgt aus, ohne Schmerzen und atmet durch die Maschine gleichmäßig – das kann eine große Belastung für die Angehörigen sein.“ „Menschen sind zum Teil hochgradig traumatisiert, weil sie schnell und oft unvorbereitet eine solche Entscheidung treffen mussten“, ergänzt Margot Papenheim, Referentin des Dachverbands EFiD und Leiterin der Kampagne für den anderen Organspendeausweis. „Deshalb ist uns eine umfassende und ergebnisoffene Aufklärung so wichtig. Und die Möglichkeit, individuell zu entscheiden, nach bestem Wissen und Gewissen: unser alternativer Organspendeausweis erlaubt ganz differenzierte Angaben darüber, unter welchen Voraussetzungen ich einer Organ- oder Gewebespende zustimme – oder eben nicht.“ Die meisten der größtenteils aus öffentlichen Mitteln finanzierten Kampagnen für Organspende seien reine Werbekampagnen, die auf eine simple Pro- oder Kontra-Entscheidung hinausliefen, so Papenheim. Allein das Wort „Spende“ anstelle der wertneutraleren Begriffe „Transplantation“, „Explantation“ oder „Entnahme“ assoziiere bereits etwas Positives, moralisch Gutes. Anhand eindrücklicher Beispiele zeigte sie: Werbung missachtet die Würde des Menschen.

Auch die von Gesundheitsminister Jens Spahn vorgeschlagene Widerspruchsregelung, nach der Nicht-Spendewillige aktiv widersprechen müssen, sei keine tragfähige Lösung: „Es gibt keine Blutspendepflicht, obwohl es an Blutkonserven fehlt. Es gibt keine Impfpflicht, obwohl Krankheiten wie Masern wieder auf dem Vormarsch sind. Ausgerechnet beim Thema Organspende sollen alle erstmal automatisch Spender*innen sein? Das widerspricht dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen. Ein solcher Paradigmenwechsel ist nicht mit der Würde des Menschen vereinbar.“ Werbung, Vereinfachung und Verharmlosung wären nicht zielführend, so Papenheim weiter. Eine gründliche Auseinandersetzung mit den vielen unterschiedlichen Aspekten des Themas hingegen, ein offener Umgang auch mit kritischen Fragen und Ängsten – das würde oft die Bereitschaft, Organe zu spenden, erhöhen. „Organspende braucht keinen gesetzlichen oder moralischen Druck – Organspende braucht Vertrauen. Und Vertrauen entsteht durch Information.“

Auch PD Dr. Carola Seifart vom Universitätsklinikum Marburg setzte sich in ihrem Workshop zu medizinethischen Aspekten der Widerspruchslösung mit dem Vorschlag des Gesundheitsministers auseinander: Was gibt es für ethische Argumente für oder gegen die Widerspruchslösung? Sind das gute – oder Scheinargumente? „Für beide Seiten gibt es – je nach Perspektive – starke Argumente“, fasst sie die Ergebnisse der Diskussion im Workshop zusammen. „Für eine fundierte Entscheidungsfindung wäre es wichtig, auch die Grundannahmen zu kommunizieren, die den verschiedenen Aussagen zugrunde liegen. Nur so lassen sie sich richtig einordnen und verstehen.“ Dabei standen nicht nur die einschlägigen Argumente der Debatte im Fokus. Auch wichtige weitere Aspekte wurden kritisch beleuchtet, z.B. was eine Einführung der Widerspruchsregelung über unser Menschenbild aussagen würde und welche Auswirkungen die geplante Regelung für die Nicht-Verletzbarkeit des Körpers und die Situation der Angehörigen hätte.

„Recht und Moral: ‚Nudging‘ für Organspende“ – so lautete der Titel des Workshops von Prof. Dr. jur. Astrid Wallrabenstein von der Goethe-Universität Frankfurt. Im Mittelpunkt stand die juristische Einordnung der rechtspolitischen Debatte zur Widerspruchslösung. „Als Nudging bezeichnen wir die Frage, ob die richtigen Anreize gesetzt werden, also: adressieren wir die richtige Zielgruppe? Je nachdem, aus welcher Perspektive wir das Thema beleuchten, gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Besonders spannend an unserer Diskussion war die Erkenntnis, dass hier eine Debatte über verschiedene Rechteinhaber*innen geführt wird: die Rechte dessen, der stirbt, die Rechte der Angehörigen und – die Rechte aller Bürgerinnen und Bürger, die als Gesellschaft eine Haltung zu diesem Thema finden müssen.

„Es gibt kein Recht auf Organe und es gibt keine Pflicht zu spenden“, so Pfarrerin Reimers-Gruhn abschließend. „Wir haben unseren Körper von Gott geschenkt bekommen – und das bedeutet für mich, mit dieser Gabe gut und verantwortungsvoll umzugehen in der Freiheit, die ich habe. Nur eine Entscheidung für oder gegen Organspende sollte ich treffen, auch um meine Angehörigen nicht noch mehr zu belasten.

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