Jahreslosung 2026
Siehe, ich mache alles neu!
Wow, was für ein Satz aus der Offenbarung ist der Leitvers für das Jahr 2026. Die Bibel endet mit einer Apokalypse, einer Vision für eine andere Welt, in der alles neu ist. Was umfasst hier alles? Was bedeutet es, wenn wirklich alles neu wird?
In der Offenbarung ist der Entwurf des Neuen relativ deutlich umrissen:
Zunächst gibt es deutlich spürbar die Nähe Gottes bei den Menschen. Zärtlich wischt Gott die Tränen von den Gesichtern aller Menschen, die leiden. Alles Todbringende, Schinderei wird nicht mehr sein, sondern erfülltes Leben in Freiheit. Für alle Menschen, Frauen* und Männer*, Junge und Alte. Ob die Nähe Gottes sich dann in allen Beziehungen zwischen den Menschen widerspiegelt? Keine Diskriminierungserfahrungen mehr, keine Ausgrenzung aufgrund von Behinderungserfahrungen? Ein toller Gedanke, gerade in einer Welt, in der Abgrenzung gerade das Wort der Stunde zu sein scheint.
Die Nähe Gottes wird noch in anderer Weise spürbar: Gott wohnt in einem Zelt bei den Menschen. Das heißt, nicht in einem riesigen Palast, sondern in einer beweglichen Behausung, die mit den Menschen flexibel mitgeht. Diese Behausung wird dort sein, wo die Nähe Gottes besonders gebraucht wird. Gott wird verlässlich da sein.
Und was ist das Neue für das Gemeinwesen? Für die Gesellschaftsstruktur steht nach dem Vers der Jahreslosung das Symbol einer neuen Stadt. Ein neues Jerusalem, gebaut aus Edelsteinen und ausgerichtet an biblischen Maßen.
Das neue Jerusalem soll anders sein als das bisherige, und doch ist das Bild des Neuen stark geprägt von Vorgaben der Bibel und der Traditionen. Ist es dann wirklich alles neu? Umfassend anders? Revolutionär zukünftig?
Nach dem 2. Weltkrieg boomten Visionen für ein neues Zusammenleben, für neue Gesellschaftsformen. Es gründeten sich Organisationen wie die Vereinten Nationen oder auch Amnesty International, Human Rights Watch, terre des hommes und terre des femmes. Wertebasierte Zusammenschlüsse als Gegenentwürfe zu dem Grauen von Kriegen, Unrecht und Leiden von Menschen.
Siehe, ich mache alles neu! Die Aufbruchsstimmung und Offenheit für Neues von damals scheint weg. Irgendwie aufgebraucht oder von einer Zukunftsangst aufgegessen. Ich selbst mit Ende Fünfzig vermisse die Atmosphäre meiner Jungend und meiner Zwanziger Jahre, in denen so vieles sich zum Besseren entwickelte und Visionen eines guten Lebens für alle Menschen miteinander wetteiferten. Ich glaube, es lag nicht nur an der damals noch zweigeteilten Welt. Zerschnitten durch den Eisernen Vorhang, getrennt in die westlich-kapitalistischen Vorstellungen und den realexistierenden Sozialismus, der vom neuen Menschen träumte.
Wie wäre es denn, wenn jetzt, heute bzw. im nächsten Jahr wirklich alles neu würde? Wenn ganz neue Visionen Wirklichkeit werden würden?
Ich habe einmal unsere Referentinnen gefragt. Clara Böhme, Referentin für Frauen*politik, schreibt mir:
Ich kann sehr gut verstehen, wenn Menschen Angst vor Veränderung haben. Oft genug geht mir das selbst auch so. Was wird aus einer Freundschaft, wenn meine Freundin jetzt Mutter ist? Wie wird das, wenn meine Eltern irgendwann auf Unterstützung angewiesen sind? Was kommt in den mindestens 30 Jahren, die ich noch arbeiten werde, im Berufsleben an Veränderungen auf mich zu? Und wenn ich dafür mal umziehen muss, werde ich dann eine erschwingliche Wohnung finden?
Aber fast noch mehr Angst macht mir, wenn ich darüber nachdenke, was ein „weiter so“ in der Politik bedeutet. Wenn es vielleicht nicht nur keine Veränderungen gibt, sondern versucht wird, einen vermeintlich besseren Zustand aus der Vergangenheit wiederherzustellen. „Alles soll wieder so werden, wie es noch nie gewesen ist“ – diese Zusammenfassung rechtspopulistischer Heilsversprechen habe ich vor einigen Jahren irgendwo gelesen und ich muss sehr oft daran denken. Wir neigen dazu, die Vergangenheit zu verklären, auch aus Selbstschutz, aber die Zukunft wird kommen, ob wir wollen oder nicht.
In letzter Zeit wurde viel über Rente und Wehrdienst diskutiert. Diese Debatten haben deutlich gezeigt, wie schwer es für junge Menschen ist, in der Politik gehört zu werden. Fast 60 % der Wahlberechtigten in Deutschland sind 50plus, gerade einmal 13% sind 30 oder jünger. Und alle unter 18 haben es sowieso schwer, ihre Anliegen in die Politik zu bringen, da sie kaum als (potenzielle) Wähler*innen gesehen werden. Zumal junge Menschen, allein aufgrund der kürzeren Lebenszeit noch nicht die Gelegenheit hatten, die entsprechenden Netzwerke aufzubauen, um Lobbyarbeit für ihre Interessen zu betreiben. Stattdessen entscheidet eine Mehrheit über die Zukunft, die sich in vielen Fällen auch denken kann: „Nach mir die Sintflut – das betrifft mich nicht mehr, meine Rente ist sicher, Wehrdienst will keiner mehr von mir und der Klimawandel wird mich schon nicht mehr groß betreffen.“ Natürlich ist das etwas übertrieben formuliert, es gibt viele Menschen 50plus, die ein Verantwortungsgefühl für die nachfolgenden Generationen haben, aber in der Politik scheint sich das wenig niederzuschlagen.
Folglich habe ich Angst vor ausbleibenden Veränderungen in der Politik. Angst vor einer Politik, die es verpasst, mit der Zeit zu gehen und sich und die Wirtschaft an neue Technologien und Gegebenheiten anzupassen, sondern stattdessen mit Klauen und Zähnen Verbrenner, Gasenergie und Ehegattensplitting verteidigt. Angst vor Rückschritten in der Gleichstellung, die von den Generationen vor mir mühsam erkämpft wurden und die nun von Rechtspopulist*innen wieder in Frage gestellt werden. Angst vor nationalem Protektionismus und dass sich jeder nur selbst der Nächste ist.
Strukturwandel ist schwierig, das ist mir sehr bewusst, als Ostdeutsche, als Historikerin, als Feministin. Aber was sind die Alternativen? Es kann nicht einfach so weitergehen wie bisher, das ist wirtschaftlich, demografisch und rational weder möglich noch gerecht oder sinnvoll.
Da nehme ich es lieber mit Veränderungen auf als mit Stagnation und Rückschritten.
Sarah Eßel, unsere Referentin für Frauenarbeit, hat mir dieses geantwortet:
Wenn ich einen Feiertag aus dem Kalender streichen müsste, dann wäre es der 1. Januar. Das Versprechen von Neuanfang und Neustart, das Silvester und Neujahr mit sich bringen, war für mich schon immer scheinheilig. Nicht nur, weil mich der erste Tag des Jahres zu oft mit Schädelbrummen begrüßte. Vielmehr konnte mich nicht einmal das Glitzern der XXL-Wunderkerzen über die Tatsache hinwegtäuschen, dass ich mit dem alten Jahr meine Probleme, Zweifel und unguten Angewohnheiten nicht einfach hinter mir lassen kann. Diese „Neues Jahr – Neues Ich“-Mentalität, die mich pünktlich um Mitternacht in Form von beigegetönten Fitnessvideos auf Instagram überflutet, ist nämlich ziemlich ungnädig und hart.
Vielleicht wirkt daher auf mich auch das Bild vom „neuem Jerusalem“ als große Hoffnungsvision auf mich abschreckend. Dabei kommt mir eher eine Stadt mit hohen Mauern, reinlichen Straßen und vom Ordnungsamt geprüften Parkregelungen in den Sinn. Es wird auch nicht besser, wenn Johannes als zweites Bild, die Braut-Metapher heranzieht. Noch mehr Weiß, noch mehr Reinlichkeit, noch mehr Ordnung. Feministische Theologinnen wie Elisabeth Schüssler-Fiorenza haben darauf aufmerksam gemacht, dass die Johannesapokalypse zwar eine radikale Erneuerung ankündigt, in seinen Bildern und Worten aber in der Sprache der Mächtigen verhaftet bleibt: Die mächtige wehrhafte Stadt und die reine jungfräuliche Braut.
Ich will ihm ja nichts unterstellen, aber wenn Friedrich Merz seine Vision für das deutsche Stadtbild beschreiben müsste, dann wäre es wahrscheinlich genau das: kartoffelige Ordnungsfantasien mit viel Platz für deutsche Automobile mit Verbrennermotoren. Vermeintlich zum Schutz von Frauen. Tatsächlich dient seine Aussage aber nur der Ausgrenzung von Menschen.
Doch was können wir tun, wenn wir uns für unsere Zukunftsvisionen nicht mehr an den Ideen der Mächtigen bedienen wollen? Nach einigen unangenehmen Begegnungen mit Menschen, die Veränderung nicht nur als ärgerlich, sondern als persönlichen Angriff verstehen, habe ich mir für mich selbst einen Vorsatz für das Älterwerden gefasst: Radical Softness – Radikale Sanftheit. Das Konzept der radikalen Sanftheit wurde durch die Künstlerin Lora Mathis inspiriert, die 2015 eines ihrer Bilder mit den Worten „Radical softness as a weapon“ (dt. Radikale Sanftheit ist eine Waffe) betitelte. Dieser Ansatz ist getragen vom feministischen Verständnis, dass Gefühle, Verletzlichkeit, Weichsein und Anrührbarsein keine Schwächen, sondern Stärken sind. Dass wir nicht hart gegenüber uns selbst und gegenüber anderen sein müssen, um uns Gehör zu verschaffen. Dass Gemeinschaft nur möglich ist, wenn wir unsere weichen Seiten zeigen können. Wenn wir uns gegenseitig die Tränen abwischen und uns in unserer Verletzlichkeit wahrnehmen. Das ist das Risiko, das wir für echten Neuanfang eingehen müssen.
Mit den Worten der Johannesapokalypse gesprochen: Gott wohnt in einem Zelt und ist mit uns unterwegs. Gott wird Mensch. Gott passt sich an unsere Lebenssituation und herrscht eben nicht in einer unerreichbaren Neubau-Festung– auch nicht, wenn das Reich Gottes angebrochen ist.
Siehe, ich mache alles neu!
Bin ich ein Glückskind, weil ich bereits ein Zeitalter mit vielen Visionen für gutes Zusammenleben kennenlernen durfte? Oder verkläre ich gerade die Vergangenheit? Bin ich ein Glückskind, weil ich als fast noch Babyboomerin natürlich immer zu einer großen Generationenkohorte gehörte? Wir waren viele und auf uns hörte Politik, weil wir die Wähler*innen von morgen waren. Bin ich ein Glückskind, weil ich evangelische Kirche lange Zeit als eine starke Organisation erfahren habe, die gesellschaft-liche Diskussionen und Veränderungen angestoßen hat?
Sarah Vecera schrieb in diesen Tagen, dass sie Visionen von Kirchen vermisst und fragt: Was, wenn die Kirche gerade leise Selbstmord begeht (?), während eine ganze Gesellschaft verzweifelt nach Hoffnung sucht?
Der Frauenverband macht da nicht mit. Wir begehen keinen Selbstmord, sondern den Aufbruch ins Neue!
Ich setze auf diese Vision, dass alles neu werden kann. Weil Gott uns das zusagt, weil ich an die Kraft und Liebe von Menschen glaube, weil diese Welt Leben und Freiheit für alle ermöglichen kann.
Eine gerechte und friedliche Welt kann Wirklichkeit werden. Darauf will ich visionär und mutig mit dem Frauenverband und mit Ihnen zugehen.
Anja Schwier-Weinrich,
Geschäftsführende Pfarrerin EFHN
Newsletter
Mit der Anmeldung erkläre ich mich damit einverstanden, dass Evangelische Frauen in Hessen und Nassau e.V. (EFHN) mich per E-Mail über aktuelle Entwicklungen, Termine und Schwerpunkte in der Frauen- und Verbandsarbeit informieren darf. Der Verband wird meine Daten ausschließlich zu diesem Zweck nutzen. Eine Weitergabe an Dritte erfolgt nur insoweit sie zur Durchführung dieses Angebots erforderlich ist. Mir ist bekannt, dass ich meine Einwilligung jederzeit mit Wirkung für die Zukunft widerrufen kann.