Die 100 schönen Namen von G*tt
Sonntagnachmittag, 25. Oktober 2026. Friedenskirche im Frankfurter Gallus: Vorn im Altarraum ziehen Bilder vorbei, die genau hier vor 20 Jahren entstanden sind – Gesichter von Menschen, die damals dabei waren, als die „Bibel in gerechter Sprache“ (BigS) zum ersten Mal erschienen ist. Das Jubiläumsfest hat zwei Schwerpunkte: Erinnern und nach vorne schauen.
Die Kirche ist voll. Rund 200 Menschen sind gekommen: zum Gottesdienst, zum Diskutieren und zum Feiern. Theologinnen, Übersetzerinnen von damals, Pfarrer*innen, Studierende, Menschen aus Gemeinden, Kirchenleitende aus der EKHN und Gäste aus der Ökumene und anderen Landeskirchen. Für viele von ihnen war und ist diese Bibel wichtig, denn sie ist ein Meilenstein, weil sie versucht, gerechter zu formulieren – gegenüber Frauen, gegenüber Jüdinnen und Juden, gegenüber Menschen, die nicht in klassische Rollenbilder passen. Im Seitenraum der Kirche ist die Ausstellung des Bibelmuseums „Gendervarianten digital“.
Ein Fotorückblick zum 31.10.2006 zeigt Bilder von Peter Steinacker, früherer Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Professor*innen Luise Schottroff, Frank Crüsemann und Claudia Janssen, Hanne Köhler und Heidi Rosenstock, die den Verein für feministische Theologie mitgegründet hat, ebenso von Ute Knie, Luise Metzler und von Christa Kirschbaum, ehemals Kirchenmusikdirektorin im Zentrum Verkündigung und vielen anderen. Einige, die auf den Fotos zu sehen sind, sind inzwischen gestorben, etwa die feministische Theologin Eva Renate Schmidt, Micha Brumlik aus der Erziehungswissenschaft, Erhard Gerstenberger und Erhard Domay und Peter Steinacker selbst. Die Erinnerung an sie bekommt Raum, denn gemeinsam waren sie wichtige Mitstreiterinnen des großen Reformprojekts Bibel in gerechter Sprache.
Doch es ist kein Nachmittag, an dem nur zurückgeschaut wird. Zugleich ist da die drängende Frage, was die BigS, wie viele sie liebevoll nennen, mit der 5. Auflage als Jubiläumsausgabe heute bedeutet: 60 Jubiläumsbibeln werden zum 20jährigen Jubiläum als Liebhaber*innenstück von Sabine Drescher Dietrich verkauft.
Eine Szene berührt besonders: Pfarrer Nulf Schade-James, der ebenfalls vor 20 Jahren dabei war, erzählt, dass die Bibel in gerechter Sprache seitdem auf dem Altar der Friedenskirche liegt. Vor einigen Jahren wurde jedoch der Kirchraum verwüstet, Seiten aus der Bibel herausgerissen. Die Gemeinde hat die Papierstücke nicht weggeworfen. Sie hat die Fetzen gesammelt und daraus einen Engelsflügel gestaltet. Verletzung und Kreativität liegen hier dicht beieinander: Eine Bibel, die angegriffen wurde, und ein Bild, das aus der Verletzung etwas Hoffnungsvolles macht. Das ist ein Symbol für die Heftigkeit der Debatten, die diese Bibel ausgelöst hat.
In ihrem Grußwort erinnert Ulrike Scherf, stellvertretende Kirchenpräsidentin der EKHN, daran, dass die Bibel in gerechter Sprache vielfach Widerstand ausgelöst hat und Menschen heftig widersprochen haben. Manche waren irritiert, als plötzlich von „Hirtinnen“ die Rede war und Frauen sichtbar wurden, wo sie in älteren Übersetzungen unsichtbar geblieben sind. Gleichzeitig hebt Scherf hervor, dass es bei der gerechten Sprache nicht nur um Geschlecht geht. Ein wichtiger Punkt für sie ist der christlich-jüdische Dialog. Die Bibel in gerechter Sprache versucht, antisemitische Deutungsmuster zu vermeiden und das Judentum nicht abzuwerten. Gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus wächst, sei das entscheidend, sagt Scherf. Eine Bibelübersetzung ist damit nicht nur ein religiöses Produkt, sondern auch ein Beitrag zur gesellschaftlichen Verantwortung.
Gisela Matthiae, als Clownin in der Rolle der ehrenamtlichen schwäbischen „Adele Seibold“, ermutigt durch ihre Interventionen zum Widerspruch und sprudelt die Psalmworte in die Gemeinde. Sie nutzt mit großer Resonanz in all ihren Auftritten die Bibel in gerechter Sprache, fragt und kommentiert das Geschehen der Veranstaltung bis zu den „neuen Glückseligpreisungen“.
Professor Rainer Kessler erinnert daran, wie groß die Aufregung damals war: neue Worte, ungewohnte Bilder, Widerstand gegen Veränderungen. Er erlebe, wie sehr Sprache Gewohnheiten berührt – und wie anstrengend es sein kann, Menschen daran zu erinnern, dass es auch andere Sichtweisen gibt, als die vertraute. Auch er spricht verpasste Chancen an: „Es ist nach dem Erscheinen der Bibel in gerechter Sprache nur wenig in andere Bibelübersetzungen aufgenommen worden. Versäumt worden ist vor allem, die Vielfalt der Gottesnamen aufzugreifen, die den Reichtum jüdischer Gottesbezeichnung sichtbar macht. Das wäre gerade in dieser Zeit ein Zeichen gewesen.“
Deshalb stellt sich die Frage: Wie können die ökumenischen Visionen der damaligen Übersetzungsarbeit heute aufgegriffen werden?
Professorin Claudia Janssen, die sich fast ihr ganzes Arbeitsleben mit der BigS beschäftigt, beschreibt, wie sie immer wieder zu ihrer Übersetzung des Römerbriefs in der Bibel angefragt wird. „Das zeigt, wie lebendig die Diskussion mit und um diese Bibel noch heute ist“ und erläutert nach einem Telefonat mit Heidi Rosenstock das 8. Kapitel im Römerbrief.
Anja Schwier-Weinrich, Geschäftsführende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Hessen und Nassau, hat ihre Kinderbibel von Anne de Vries mitgebracht. Sie zeigt auf, mit welchen Kategorien die Kinderbibel aus den 70er Jahren arbeitet, wie viele weiße Menschen auf den Bildern zu sehen sind. Die Farben zeigen, wie die Geschichten nach Mitteleuropa geholt wurden: hellhäutige Figuren, mitteleuropäisches Aussehen.
Die „Alle-Kinder-Bibel“ von Andrea Karimé geht da einen anderen Weg: Die biblischen Figuren sehen so aus, wie sie im östlichen Mittelmeerraum tatsächlich aussehen könnten. Menschen auf den Bildern sind vielfältig dargestellt – mit und ohne Behinderung, alle Altersgruppen, auch solche, die nicht normschön sind, und viele Hautfarben und viele Sprachen. Kinder sollen sich wiederfinden können – nicht nur in den Geschichten, sondern auch in den Gesichtern und Figuren und unterschiedlichen Sprachen.
Der Jubiläumstag macht die Visionen von damals bewusst und markiert einen Schritt in die Zukunft. Kinder sind dabei, ebenso 20 Studierende der Goethe-Universität mit Malte Dücker. Zwei Studierendenpfarrerinnen bieten Workshops an: Kerstin Söderblom, Mainz, spricht über „Divers und queer mit Gottespoesie“. Ilona Klemens aus Frankfurt lädt mit der Studierenden Maxima Dickhaut ein zum Gespräch über „Diversität und Seelsorge“.
Die katholische Theologin Marie Theres Wacker gestaltet ihren Workshop „Diverse Entdeckungen im 1. Testament – Leitfaden BigS für die unterschiedlichen Gottesnamen“. Eine wichtige Frage, die auch in den anderen Workshops aufgegriffen wird: die Verwendung der Gottesbeschreibung G*tt, die das unaussprechlich Heilige des hebräischen Gottesnamens aufnimmt und als Standard gesetzt werden sollte. Diese Schreibweise könnte weiter verbreitet werden und wäre auch für Kinderbibeln geeignet.
In den Gesprächsrunden mit Luise Metzler und Katharina Meckbach – von der „Erfolgsgeschichte der BigS“ über die „Diversen Entdeckungen im 1. Testament“ bis zur „Vielfalt in Gesellschaft & Politik“ mit Helge Bezold von der Akademie Frankfurt und Annette Mehlhorn – wird schnell klar: Die Themen haben sich seit 2006 verändert. Heute sprechen wir über Queerness, über unterschiedliche Lebensformen und diverse Identität, globale Machtstrukturen in Kirche und Wissenschaft, über rassismuskritische Perspektiven und sind sensibler für Antisemitismus und Antijudaismus.
Gleichzeitig verändert sich, wie über Bibeltexte gestritten wird. Soziale Medien spielen eine große Rolle. Dort werden Bibelstellen oft herausgegriffen, um Meinungen zu begründen oder zu rechtfertigen. Insbesondere werden Frauen so auf traditionelle Rollenbilder festgelegt.
Das Bibelmuseum trug mit der Ausstellung „GenderVarianten digital“ und dem Katalog zu „G*tt w/m/d“ zum Jubiläum bei. Veit Dinkelaker, Direktor des Bibelhaus ErlebnisMuseums am Frankfurter Museumsufer, formuliert in seinen Fürbitten eine Sehnsucht nach „konstruktiven Debatten“. Er wünscht sich eine Forschung und Wissenschaft, in der Machtmissbrauch aufgedeckt wird, nicht zugedeckt. Es geht nicht nur um Worte in einer Übersetzung, sondern auch um die Strukturen und den Kontext, in denen diese Wörter wirken.
Der Gottesdienst rahmt das gesamte Fest als neues Format. Beginnend mit Liedern, Gebeten, Predigtberichten, öffnet sich anschließend im Gemeindesaal ein Buffet: Kuchen, Chips, Kaffee, Sekt, Schokolade laden ein, stehenzubleiben, miteinander zu reden, zu lachen und in den Workshops und Gesprächsgruppen zu diskutieren. Der eröffnete Raum weitet den Diskurs.
So schließt das Fest mit einem Segen von Gisela Matthiae, die als selbstbewusste Schwäbin Frau Seibold so manche Erfahrung als oft übersehene Ehrenamtliche auf den Punkt bringt. Ihr Segen, der sich als schwebende Federn auf die Besucher*innen legt, macht deutlich, wie wichtig Träume und Visionen nicht nur in den Zeiten des Propheten Joels sind: „Danach wird es geschehen, dass ich meine Geistkraft auf alles Fleisch ausgieße. Eure Söhne und Töchter werden prophetisch reden, eure Alten werden Träume träumen und eure jungen Leute Visionen haben.“
Dieser Nachmittag ist mehr als ein Jubiläum einer besonderen Bibel. Er zeigt eine Kirche, die sich ihrer Konflikte erinnert: Debatten, Streit über Worte, über Bilder, über Macht – und zugleich eine Kirche, die versucht, daraus zu lernen. Die Bibel in gerechter Sprache macht Übersehene sichtbar: Frauen, Jüd*innen, Marginalisierte. Heute steht an, diese Perspektive auch in der Gottesbeschreibung zu erweitern für Kinder, queere Personen, Menschen diverser Identität. Organisiert wird die Veranstaltung vor Ort von Ute Knie, Ulrike Hofmann, Monika Astrid Kittler – vom Verein zur Förderung Feministischer Theologie in Forschung und Lehre und den Frauen mit Hand und Herz der Gemeinde Frieden und Versöhnung. Musik und Management übernahmen Monika Astrid Kittler, Johannes Noak, Andreas Sandtner. Die Kollekte für die beiden Projekte der diversitätssensiblen Kinderbibel und eines queersensiblen digitalen Curriculums der EKHN erbringt 1.306,66 €.
Eine direkte Auswirkung hat das Jubiläum bereits: Die Homepage der Bibel in gerechter Sprache wird überarbeitet und nutzungsfreundlicher gestaltet, sagt Luise Metzler, die dies als weiteren Punkt der Erfolgsgeschichte der BigS anführen kann. Und im März 2027 ist eine Folgeveranstaltung geplant beim nächsten Pfarrerinnentag der EKHN, erläutert Ingeborg Verwiebe.
Nach 20 Jahren ist diese Bibel kein abgeschlossenes Projekt. Sie ist eine Einladung, weiter zu fragen: Wer wird gehört- wird gesehen- wie sprechen wir von Gott in zeitgemäßen Gottesbeschreibungen? Die Bilder der alten Weggefährt*innen, die Workshops, die Erinnerungen an Widerstand und die Hoffnung auf neue Debatten – all das zeigt, dass gerechte Sprache ein Prozess bleibt. Der Veranstaltung machte Mut zum Aufbruch und auf weitere diverse Debatten.
Foto: Uwe Kirsche
Kooperation: Verein zur Förderung Feministischer Theologie in Forschung und Lehre/Verein Bibel in gerechter Sprache/ Goethe Universität/ Evangelische Frauen in Hessen und Nassau/Akademie Frankfurt
Gefördert: von den Veranstaltenden, Stabsbereich Chancengleichheit der EKHN, Katholische Frauengemeinschaft Deutschland und Einzelspenden
Eine Aufzeichnung vom Beginn der Veranstaltung ist zu sehen bei YouTube unter: https://youtu.be/OgFpEhL6ijM
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