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Ausgebombt. Gedanken zum Antikriegstag

Als Kind habe ich den Begriff ausgebombt oft gehört. Meist dann, wenn meine Großmutter mit mir vor ihrem Kleiderschrank stand und die Tür zu den Wäschefächern öffnete. Ich hatte mal wieder darum gebeten, ihren schicken Hut zum Spielen zu erhalten. Doch bevor mir das ersehnte Stück ausgehändigt wurde, strichen ihre knochigen Hände über Bettwäsche und Tischdecken, die in den Fächern sorgsam einsortiert waren.
„Ich habe ja nicht mehr viel Wäsche,“ begann sie jedes Mal ihre Erzählung, „das meiste habe ich meiner Mutter gegeben, nachdem sie aus Kiel zurückkam. Sie war dort ausgebombt worden.“

Ausgebombt, ein Wort, das deshalb für mich mit dem Verschenken gestärkter Tischdecken und kostbarer Bettwäsche verbunden war. Das blieb auch so, als sich die Nachrichten über ausgebombte Dörfer im ehemaligen Jugoslawien und von Stadtvierteln in Syrien häuften. Über allem Schlimmen lag immer ein Duft von frischer Wäsche und gestärktem Leinen.

Am 24. August 2022, dem Tag, an dem der Ukrainekrieg ein halbes Jahr alt wurde, berichten die Tagesthemen aus Kiew. Sie berichten über Valentina Antonenko und ihre Tochter Jewa aus Irpin. Jewa soll am ersten September eingeschult werden. Sie waren zurückkehrt, nachdem sie vor einigen Monaten geflohen waren; in ihre Nachbarschaft waren immer mehr Raketen eingeschlagen. Der Blick aus Jewas Kinderzimmer zeigt zerstörte Etagen, geborstene Fenster und Löcher in den Wohnblocks. Sie wagten damals die Flucht und blieben unverletzt. Die Menschen in den Autos vor und hinter ihnen, ihre Nachbar*innen wurden getötet. Jetzt sind sie wieder da und zurückgekehrt in ein ausgebombtes Leben.

Die Reportage zeigt Bilder von Jewa, wie sie in Tracht gekleidet und eine Glocke läutend, eigentlich freudig eingeschult würde. Doch ihre Schule ist, wie 2000 andere in der Ukraine, zerstört. Niemand wird in diesem Jahr eingeschult werden.

Der 1. September ist Internationaler Antikriegstag.
Ich begreife, dass ausgebombt gerade nicht nach frischer Wäsche riecht, sondern nach Staub, Glassplittern und Angst. Der Tag riecht nach Tränen, Ohnmacht und Tod.

Es hat lange gedauert, bis ich meine kindliche Naivität aufgeben musste. Bislang war der 1. September Erinnerungstag an den Zweiten Weltkrieg, einen Krieg, der schon lange vorüber ist. Er war wie das kurze Anhören der traurigen Worte meiner Großmutter, bevor sie mir endlich den schicken Hut zum Spielen reichte.

In diesem Jahr ist aus dem Erinnerungstag ein besonderer Aktionstag geworden. Mit der Wanderfriedenskerze möchte ich Menschen wie Valentina Antonenko und ihrer Tochter Jewa aus Irpin Mut machen. Aus der Ferne. Ihnen zeigen, dass ich begriffen habe, was ausgebombt bedeutet. Und ich werde sicherlich noch mehr tun …

Pfarrerin Anja Schwier-Weinrich
Evangelische Frauen in Hessen und Nassau e.V.

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